Narren streiten über Disco-Musik

wieviel Bumm-Bumm verträgt die Fasnet?

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Narren streiten über Disco-Musik
Die Süüri-Waggis haben auf dem Umzug am Sonntag die Boxen aufgedreht und damit eine Diskussion losgetreten: Ist Disco-Musik an Fasnacht in Ordnung?
Bässe wummern, zwölf Süüri-Waggis mit giftgrünen Haaren hüpfen über die Straße, das Publikum wippt mit: Eine auf Video festgehaltene Szene des Umzugs am Sonntag, die eine Kontroverse losgetreten hat. Tausende von Menschen haben das Video auf Facebook angeschaut, viele haben einen Kommentar hinterlassen. Einige machen sich Sorgen, dass Auftritte wie dieser das Brauchtum der Fasnacht zerstören könnten. Oberzunftmeister Michael Birlin sieht das ähnlich. Die Süüri-Waggis selbst können die Aufregung hingegen nicht ganz verstehen.
“Wir sind die junge Generation der Fasnacht und wir machen eben die Musik, die uns gefällt”, sagt Rocco Martino, erster Vorstand der Süüri-Waggis aus Grenzach-Wyhlen, auf Nachfrage der BZ. Er selbst ist 21 Jahre alt, die 22 Mitglieder seiner Clique sind im Schnitt sogar noch etwas jünger. Seit drei Jahren sind die Süüri-Waggis in der Fasnacht aktiv.
Beim Umzug am Sonntag hatten sie einen selbstgebauten Wagen dabei, der von einem Traktor gezogen wurde. Aus großen Boxen ließen sie lautstark Disco-Musik laufen. “Wir selbst haben keine negativen Reaktionen darauf bekommen”, so Martino. Im Gegenteil: Es hätten sich sogar mehrere Personen gemeldet, die der Clique beitreten wollten.
Überraschung über Reaktion
Er und der zweite Vorsitzende Kevin Braun seien daher überrascht über die heftigen Reaktionen im Netz gewesen. “Wir entschuldigen uns bei allen, die sich gestört gefühlt haben”, sagt Martino und Braun fügt hinzu: “Es ist nicht unsere Intention, das Brauchtum der Fasnacht zu zerstören.” Man respektiere die Tradition, wolle aber auch eine eigene, neue Tradition schaffen. “Wäre eine Guggemusik hinter uns gelaufen, hätten wir die Musik aber leiser gemacht”, versichert Braun.
Die Lautstärke ist für Michael Birlin, Oberzunftmeister der Narrenzunft Rheinfelden, jedoch nicht das Hauptproblem. “Wenn das so weitergeht mit der Disco-Musik an Fasnachtsumzügen, dann muss das verboten werden”, sagt er auf Nachfrage. “Wir versuchen, das zu unterbinden, genauso wie die ’Disco-Veranstaltungen’ in den Hallen.” Es könnte sein, dass in den kommenden Jahren “von oben” eine entsprechende Entscheidung getroffen werde, sagte Birlin, ohne genauer darauf einzugehen.
Ob nun Schlager, Marschmusik oder Popsongs gespielt werden, ist für Michael Birlin nicht entscheidend. Ihm sei wichtig, dass Musiker diese Musik mit ihren Instrumenten machen. “Wir haben genügend Musikvereine und Guggenmusiken, wir brauchen keine ’Bum-Bum-Wagen’”, so der Oberzunftmeister.
Nicht ganz so streng sieht das Birlins Vorgänger Wilfried Markus, der den Umzug am Sonntag kommentiert hat. Zwar sei die Lautstärke, in der die Süüri-Waggis die Musik aufgedreht hatten, überzogen gewesen. “Die Hälfte würde auch reichen”, so Markus. Von einem Verbot hält er jedoch nichts: “Wenn man zu viel verbietet, ist es auch nicht gut. Wo fängt man an und wo hört man auf? Man sollte das alles etwas lockerer sehen.”
Eine Geschmacksfrage
Dass sich Mancher über die Disco-Musik ärgert, kann er aber verstehen. “Man fragt sich manchmal schon, was das soll”, sagte er. Früher hätten die Wagen noch Themen gehabt, heute käme einfach nur laute Musik raus. “Man könnte ja wenigstens Fasnachtsschlager statt Discomusik spielen, aber das ist halt eine Geschmacksfrage”, so Markus.
Was genau Fasnachtsmusik – neben Fasnachtsschlagern – ausmacht, ist nicht ganz einfach zu definieren. “Natürlich gibt es typische Fasnachtsmusik, etwa ’Heile, heile Gänsje’ in Mainz oder auch den Latschari-Marsch hier in Rheinfelden”, sagt die Historikerin und Leiterin des Stadtarchivs, Sabine Diezinger.
Hauptsache Lärm
Früher sei es vor allem darum gegangen, Lärm zu machen. Dafür hätten die Menschen billige oder auch selbstgemachte Instrumente wie Trommeln aus Fell oder Blech und Flöten verwendet. “Disco-Musik gab es damals natürlich nicht, aber die Fasnacht entwickelt sich eben weiter.”
Die von vielen als typisch fasnächtlich angesehene Guggenmusik ist ursprünglich keine deutsche Tradition. “Die Guggenmusik kam erst in den 1970er Jahren aus der Schweiz nach Deutschland, in Rheinfelden wegen der Grenznähe schon früher”, so Diezinger. Die auch aus der Schweiz bekannten Märsche mit Trommeln und Pfeifen seien nicht für die Fasnacht entstanden, sondern waren Kriegsmusik. “Fasnacht ist einfach eine verrückte Welt”, sagt Diezinger. Wenn man eine bestimmte Musik nicht dabei haben wolle, müsse man eben Regeln aufstellen.
Süüri-Waggis kompromissbereit
Sollte es tatsächlich Regeln oder Verbote geben, wären die Süüri-Waggis kompromissbereit: “Wenn verboten wird, Disco-Musik zu spielen, dann lassen wir eben Schlager laufen”, sagt Rocco Martino. “Wenn wir zum Umzug aber keine Boxen mehr mitnehmen dürfen, dann sind wir nicht mehr mit dabei.”